CaloNew - Thomas Weber - Photographie

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Abb. 2, Aufsichtscanner 6x6 cm Negativ
Abb. 2, Aufsichtscanner 6x6 cm Negativ
Abb. 2, Aufsichtscanner 6x6 cm Negativ
Abb. 3, Durchlichtscanner 6x6 cm Negativ
Abb. 4, Aufsichtscanner 6x6 cm Positiv
Abb. 4, Aufsichtscanner 6x6 cm Positiv
Abb. 5, Durchlichtscanner 6x6 cm Positiv
Abb. 5, Durchlichtscanner 6x6 cm Positiv
Abb. 6, Burg Plesse, Göttingen 2003
Abb. 6, Burg Plesse, Göttingen 2003
Abb. 7, S. Miguel Bajo, Granada 2007
Abb. 7, S. Miguel Bajo, Granada 2007

Kalotypie im 21. Jahrhundert

Ein Hybridverfahren analog – digital

Abb. 1

Eine Weiterentwicklung zur Integration in die digitale Fotografie ist das Hybridverfahren. Diese moderne Kalotypie-Technik macht die Dunkelkammer überflüssig (Abb.1).

Was ist eine Kalotypie? Es ist das erste Negativ-Positiv Verfahren überhaupt. Dieses Verfahren wurde umgangssprachlich seit den 1850-er Jahren so benannt. Auf einem Fotopapier wird ein Negativ und davon, oft mittels Kontaktabzug, ein Positiv in der Dunkelkammer erzeugt, das Foto. Ist es überhaupt legitim von einer Kalotypie zu sprechen, wenn man den zweiten Teil, die Erstellung des Positivs digital erstellt?

Schaut man genauer hin, was historisch passierte, so ergibt sich folgendes:
- Erfinder der Kalotypie war W.H.F. Talbot. Er stellte sein Verfahren 1839 der Royal Society in London vor und sprach von Photogenic Drawing. Er beschreibt dort allgemein den Negativ-Positiv Prozess.
- 1841 erlangte Talbot das Patent #8842. Hier spricht er erstmalig von Kalotypie (Calotype). Allerdings bezieht sich hier der Begriff Kalotypie ausschließlich auf das Negativ. Er vermerkt, daß das Negativ besonders lichtempfindlich sein sollte. Der angegebene Herstellungsprozeß ist eigentlich nur ein Hilfsmittel hierzu. Weiterhin sagt er in seinem Patent ausdrücklich, daß er dem Anwender die freie Entscheidung überläßt, mit welchem das Material mit das Positiv erzeugt wird.

Für mich folgt daraus, daß W.H.F. Talbot den allgemeinen Negativ-Positiv Prozess beschrieben hat und für ihn die Kalotypie nur das Negativ ist. Also ist es jedem anheimgestellt, wie er den Abzug, das Foto, letztendlich herstellt. Warum nicht auch digital?

Deshalb hier mein Vorschlag für eine Kalotypie des 21. Jahrhunderts:
- Schritt 1: ein analoges Negativ zu erzeugen,
- Schritt 2: das Negativ einscannen und digital weiterverarbeiten bis zum Ausdruck.

Meine These: Talbot hätte die Digitalisierung gefreut.

Im Vergleich zu den Daguerrotypien, die Unikate waren, wollte er die beliebige Vervielfältigung einer Aufnahme, genauso wie in der digitalen Fotografie.

W.H.F. Talbot hat die konzeptionellen Grundlagen für die moderne Fotografie geschaffen. Er war seiner Zeit weit voraus.



Grundlegende Eigenschaften des Fotos bei Kontaktkopie und Digitalisierung

Ein Kalotypie-Negativ ist immer ein Fotopapier. Daraus ergeben sich grundlegende Unterschiede zu einem normalen Negativfilm auf transparentem Emulsionsträger. Ursache hierfür ist die hohe Dichte und Struktur des Fotopapiers. Werden Kalotypie-Negative mittels eines Vergrößerers auf ein Fotopapier projiziert, dann schwinden die Kontraste und die Bildschärfe geht verloren. Ursache hierfür ist die extreme Streuwirkung des Emulsionsträgers. Folglich können scharfe Bilder nur per Kontaktkopie oder digital durch einscannen erzeugt werden. Die Digitalisierung hat zudem den Vorteil, daß die Bindung des Abzugs an die Größe des Negativs aufgehoben wird und die Endgröße des Prints sowie Ausschnitte frei gestaltet werden können.

Hier ein Beispiel ein und desselben eingescannten Negativs (Abb.2+3, ...6x6 cm Negativ), Format 6x6 cm, elektronisch zu Positiven umgewandelt (Abb. 4+5). Einmal mit Aufsichtscanner (reflective scanner), dann mit Durchsichtscanner (transparency scanner) digitalisiert. Betrachten wir uns diese beiden Fotos. Letzterer mit Filmeinsatz, liefert weiche und unscharfe Scans, dafür aber einen eigentümlichen Himmeleffekt, der auf die Struktur des Papiers zurückzuführen ist. Besonders ist dieser Effekt in den nachstehenden Aufnahmen „Burg Plesse“ und „San Miguel Bajo“ zu sehen, was in dem besonders dichten Emulsionsträger (PE-Papier) begründet ist.

Der Aufsichtscanner liefert dagegen ein schärferes Bild und einen homogeneren Himmel. Er liefert nur ein orthochromatisches Print, dessen Negativ nur für Blau empfindlich ist bei festgradierten SW-Fotopapieren. In beiden Fällen entstehen interessante Grautonverschiebungen: Rot wird zu dunkel, Blau zu hell wiedergegeben, wie auf alten Fotos und in alten SW-Filmen. So bekommen die Kalotypien ihre antike Anmutung. Also lassen sich schon mit normalen mittelklasse Flachbrettscannern oder Kombigeräten interessante Ergebnisse erzielen. Für die Durchlichttechnik wäre aber ein Diascanner für Mittel- und Großformat empfehlenswert.

Bitte beachten: eingescannte Negative sind seitenverkehrt und sollten per Software seitenrichtig gedreht werden.

Analog erzeugte Kalotypien

Hier zwei Beispiele rein analog erzeugter Kalotypien (Abb. 6 & 7). Die Negative sind im Format 4x5 Zoll. Die enorme Dichte des Schichtträgers erzeugt eine extrem steile Gradation im Print wie bei der Burg Plesse (Abb. 6). So erscheinen im Foto, auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer so ersichtlich sein mag, nur 5-6 verschiedene Grautöne; eine starke Abstraktion von der Wirklichkeit. Der Fotograf kann somit über die Belichtung des Negativs das Sujet kreativ interpretieren.
Das Foto der Kirche San Miguel Bajo in Granada (Abb. 7) zeigt die erratisch erscheinende Papierstruktur, die besonders im Himmel oder anderen homogenen Flächen sichtbar werden kann. Dieser Effekt ist nur rein analog oder mit einem Durchlichtscanner zu erreichen.

Wie oben schon dargelegt, ist der konsequente Schritt zur Einbindung der Kalotypie in die digitalisierte Fotografie des 21. Jahrhunderts die Aufteilung in einen ersten analogen Schritt zur Herstellung des Negativs, worauf dessen Digitalisierung und die entsprechende Weiterverarbeitung folgt.

Das Hybridverfahren: die Kalotypie des 21. Jahrhunderts

In dem von mir hier vorgeschlagenen Prozeß wird ein Negativ in einem Entwicklungstank bzw. einer Entwicklungsdose entwickelt und dann eingescannt. Hierbei ist zu beachten, daß man nur mit einem Durchlicht- oder Filmscanner den typischen Effekt einer Kalotypie erhält, doch auch mit einem „normalen“ Aufsichtscanner haben die Bilder einen altertümlichen Effekt.

Analoger Prozeßabschnitt zur Herstellung des Negativs Abb. 8

In einem Entwicklungstank wird das Negativ entwickelt. Das Negativ kann in einem lichtdichten Wechselsack in den Tank eingeführt werden. Damit wird eine Dunkelkammer überflüssig. Danach werden im Hellen in dem Tank bzw. der Dose die chemischen Lösungen eingefüllt.

Digitaler Prozeßabschnitt zur Herstellung des Fotos Abb. 9

Abschließend wird das Negativ eingescanned und dann mit handelsüblicher Software weiterverarbeitet und als Positiv ausgedruckt. So erhalten Sie mit meinem Hybridverfahren ein Foto, das die Merkmale einer klassischen Kalotypie aufweist und das mit den Freiheitsgraden moderner Technik.

Gute, alte Kalotypie: willkommen in der digitalen Jetztzeit. H.W.F. Talbot war ein genialer Vordenker. Sein Prinzip von einer Matritze – Negativ oder Datei – beliebig viele Abzüge herzustellen wird in der Fotografie auf immer Bestand haben.

© Thomas Weber 2010 - 2017