CaloNew - Thomas Weber - Photographie

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Walker Evans: Farmer´s kitchen
Walker Evans: Farmer´s kitchen
Walker Evans: Sharecroppers family
Walker Evans: Sharecroppers family
Granada Albaycin 2007
Granada Albaycin 2007

Ein Schlüsselerlebnis waren für mich die Aufnahmen von Walker Evans. Aus meiner Sicht zeigt seine Innenaufnahme von "Farmer´s kitchen, Hale County, Alabama von 1936", die schöne Aufnahme eines perfekt ausgeleuchteten Raums. Erst auf den zweiten Blick erkennt man: das Handtuch hängt an einem einfachen Nagel, die Wände zeigen einen Bretterverschlag, dann erst wird die Armut sichtbar. Ein anderes Bild, das perfekte Portrait einer Familie in ihrem Zuhause: alle haben ernste, verhärmte Gesichter, nur das jüngste Kind lacht unbekümmert; es hat noch nicht verstanden in welcher Misere es lebt und daß es diesem Schicksal nie entkommen wird. Walker Evans war wie andere Künstler von der US-amerikanischen Landwirtschaftsbehörde (Farm Security Administration) beauftragt worden, die katastrophalen Lebensbedingungen der Farmer im mittleren Westen in den 30-er Jahren während der Wirtschaftskrise zu dokumentieren. So sollte die Öffentlichkeit aufgerüttelt werden, diese menschenunwürdigen Bedingungen abzustellen. In diesen Kontext fällt auch der Roman "Früchte des Zorns" ("The Grapes of Wrath") von John Steinbeck, der 1940, ein Jahr nach der Veröffentlichung, von John Ford verfilmt wurde. Interessanterweise hat William Christenberry, ein heutiger Fotograf, der noch Walker Evans gekannt hatte, die gleichen Orte wieder dokumentiert, diesmal in Farbe: es macht erschrocken seine Bilder zeigen die gleiche Misere als ob sich nicht viel geändert hätte.

Mich hat an den Fotos von Evans folgendes beeindruckt: die technische Perfektion (Großformatkamera 8x10 Zoll) sowie die Doppelbödigkeit seiner Aussage und darin eingebettet die subtile Kritik an sozialen Mißständen.

Walker Evans gehört zu den Vertretern der Neuen Sachlichkeit der amerikanischen Fotografie. Ein anderer Vertreter dieser Richtung, Ansel Adams, hatte mich schon vorher beeinflusst. Dieser, bekannt als der bedeutendste Landschaftsfotograf der USA, entwickelte in den 1940er Jahren das Zonensystem, ein Belichtungsmeßverfahren, um das eigene, vorbedachte Bildkonzept zielgerichtet, gestalterisch umzusetzen (ein weiterer Erfinder des Z.S. war Fred Archer). Die Beschäftigung hiermit und die Faszination über die technischen Brillianz der Ergebnisse hatten ihren Einfluß auf den gestalterischen Ausdruck meiner Bilder, und ich wendete mich ebenso vermehrt den einfachen Objekten zu.

Den nächsten Impuls gab mir die lateinamerikanische Literatur. Es sind die Dichter des Realismo Mágico, des Magischen Realismus lateinamerikanischer Prägung. Der erste war Miguel Ángel Asturias, der in "Die Maismenschen" ("Hombres de Máiz", 1949) die sichtbare Wirklichkeit mit den Mythen der Maya-Indianer Mittelamerikas so verwebt, daß aus ihnen eine neue, untrennbare Wirklichkeit entsteht. Gabriel García Márquez, ebenso Nobelpreisträger, gilt bis heute als Ikone sprachlicher Formulierungskunst der Hispanischen Welt. Es war aber für mich Carlos Fuentes, der mit seiner Kurzgeschichte "Chac-Mool" (der Name des Regengottes der Maya) mir entscheidende neue Impulse gab. Am Ende der Erzählung wurde mir auf magische Weise klar, daß ich das hintergründig-unsichtbare als eine Form der Wirklichkeit nicht ausschließen sollte.

Auf meiner website sind viele Fotos aus Südspanien. Anstoß, mich Andalusien hinzuwenden, war der historische Roman "Im Schatten des Granatapfelbaums" ("Shadows of the Pomegranade", 1992) von Taiq Ali, der den Untergang des Al-Andalus schildert und damit eine Mobilisierung der heutigen islamischen Welt für Andalusien auslöste. Granada, das letzte islamische Herrschaftsgebiet wurde 1492 an die Reyes Catolicos (Katholische Könige, Fernando de Aragon & Isabella de Castilla) übergeben. Damit endete ein relativ friedliches Miteinander von Muslimen, Juden und Christen im zunehmenden Radikalismus beider Seiten.

Das Bild rechts zeigt einen Balkon im Albaycin, der arabischen Altstadt Granadas. Zuerst mag das atmosphärische Spiel von Licht und Schatten gefangen nehmen, doch da ist mehr. Ein vergitterter Balkon, die Gitter sind eng. Was verbirgt sich hinter den Gittern und ihren Schatten, die voneinander untrennbar erscheinen? Die Antwort liegt in der orientalischen Vergangenheit dieser einstigen Metropole. Es ist das Prinzip des Sehens und nicht gesehen werdens, des Harems. So lebt im Untergrund auf magische Weise die maurische Vergangenheit im heutigen Al-Andalus fort.

Ansel Adams öffnete mir die Möglichkeit zur technischen Perfektion und die Achtung des Einfachen, Walker Evans die Suche nach dem Vielschichtigen und die lateinamerikanische Literatur des Realismo Mágico das Ziel sichtbare und unsichtbare Wahrheit miteinander zu verbinden.

P.S.: Literatur hierzu in der Rubrik "Links & Bibliographie".

© Thomas Weber 2010 - 2017